Tube Vitalizer

Mastering Program Equalizer

Production Partner
Restaurierung: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n ...
Robert Schneider

In den der Öffentlichkeit nur selten zugänglichen Studios der Beta Technik, einem Unternehmen der Kirch-Gruppe, traf sich Production Partner mit einem absoluten Audio-Crack, dem Cheftonmeister Peter Benzinger sowie mit einem der Geschäftsführer der SPL zu einer kleinen Insider-Runde: Cheftonmeister Peter Benzinger bearbeitet mit seinem Team bei der Beta Technik den Ton von ca. 1000 Filmen und Serien pro Jahr, Hermann Gier von SPL ist stolz darauf, daß seine Tube Vitalizer zur technischen Ausstattung der Beta Technik gehören. Ein Gespräch über Mastering und Tonrestaurierung im Filmsektor.

PP: Herr Benzinger und Herr Gier, wie kamen die ersten persönlichen Kontakte zwischen SPL und der Beta Technik zustande?

Hermann Gier: Der Kontakt begann auf einer Fachmesse. Für die Opus- Workstation des Sendezentrums München war für die Tonbearbeitung ein SPL Tube Vitalizer eingesetzt worden. Peter Benzinger hat sich dort über unsere Produkte informiert. Sein Ziel war es, den Klang sehr alter Filme mit den Mitteln der Tonrestauration zu verbessern.

Peter Benzinger: Bereits vorletztes Jahr war ich auf der Frankfurter Musikmesse; dort habe ich den SPL Tube Vitalizer sowie das 8-Kanal-Interface Charisma das erstemal getestet.

PP: Zunächst nur zur spezifischen Technik des Tube Vitalizers: Schon vom Erscheinungsbild liegt er im Trend, man sieht die Röhrenstufe sogar im Dunkeln "braten". Wie erklärt sich die inflationäre Zunahme von Geräten, die bewußt auf alte Technologien und historische Schaltungsdesigns zurückgreifen, in einer zunehmend von Digitalisierung geprägten Welt?

H.G.: Meine Erfahrung ist, daß die reine Digitaltechnik derzeit unter dem Gesichtspunkt der Verwaltung und Speicherung verstanden wird. Es kristallisiert sich bei den Anwendern ein hybrides Denken heraus. Im Analogbereich gibt es die Transistor- und Röhrentechnik, auf der digitalen Seite die Computertechnik. Wir stehen heute an einem anderen Punkt als vor sechs bis acht Jahren, wo man dachte, daß die Digitaltechnik die Analogtechnik irgendwann völlig verdrängen würde. Diejenigen, die damals dieser Ansicht waren, müssen jetzt eingestehen, daß dies so nicht stimmt. Nicht umsonst hat ein Bandmaschinenhersteller allein im letzten Jahr in den USA sechzig analoge 24Spurmaschinen verkauft.

Natürlich besitzt die digitale Ebene ihre unbestreitbaren Vorteile. Nachbearbeitung, Speicherung und Vervielfältigung - all dies läßt sich dort perfekt realisieren. Allerdings befinden wir uns - die Klangqualität der Digitaltechnik betreffend - in einer Einbahnstraße. Das ist unser Ansatzpunkt bei der Entwicklung analoger Komponenten.

 

Technik des Tube Vitalizers: die Röhrenstufe.

PP: Der Tube Vitalizer liefert nicht nur den typischen Röhreneffekt, beruhend auf Arbeitspunktverschiebung und Sättigung, harmonischen Verzerrungen ... H.G.: Oh nein. wir haben in dieser Richtung ein anderes Gerät, den Charisma, entwickelt. Die Röhrenstufe wird vor den A/D-Wandler geschaltet, um eine höhere Bitauflösung sowie den typischen "Punch"-Charakter zu erzielen. Im Sättigungsbereich schneidet die Röhre als eine Art Limiter Pegelspitzen einfach heraus. Der Nachteil dieser Methode ist allerdings prinzipbedingt der Verlust von Transienten. Dennoch hat man mehr Sättigung und dadurch bei Digitalaufnahmen mehr Punch. Das ist im perkussiven Bereich sehr schön, bei Layersounds hingegen fast unbrauchbar. Der Tube Vitalizer kombiniert im Prinzip drei Techniken. Es kommen Transistortechnik, die Spulenfilterung sowie - in einer Ausgangsstufe - die Röhrentechnik zur Anwendung. Parallel dazu ist die Ausgangsstufe auch mit Transistoren bestückt. So ist der direkte Vergleich beider Techniken möglich. Wir haben in der Röhrenstufe des Vitalizers auf einen Frequenzgang von 20 Hz bis 50 kHz hingearbeitet. Gerade im tieffrequenten Bereich ist das sehr problematisch, da man z.B. bei 50 Hz in die Brummspannung hineingerät; hierfür ist ein aktiv reguliertes 275-Volt-Netzteil entwickelt worden, das die Brummspannung unter 2 mV hält. Die Entkopplung von der Brummspannung ist bei einer Röhre schaltungstechnisch aufwendig.

Eine ganze Kondensatorbatterie reduziert die Spannungsoffsets. Daß diese wiederum keine Phasenverschiebung bewirkt, ist der nächste Problempunkt, den wir jedoch bewältigt haben. Es kam ein originales AEG-Telefunken-Design von 1955 zum Einsatz. Es stammte aus der Zeit, in der intensiver mit Stereosignalen experimentiert wurde. Wir haben im Tube Vitalizer drei Röhren vom Typ E 83 CC, die sich durch Rauscharmut auszeichnen, verwendet. Für zwei Kanäle werden zwei Doppeltriodenröhren eingesetzt. Wir verwenden die dritte Doppeltriodenröhre als Phasenumkehrstufe, an deren Eingang beide Kanäle anliegen. Durch die unterschiedlichen Impulsspitzen im rechten und linken Kanal werden die Elektronen in der Röhre unterschiedlich angeregt. Die Folge ist ein natürlicher Stereoexpandierungseffekt, minimal, aber meßbar. Zusätzlich reduziert sich die Kanaltrennung auf 54 dB. Jetzt wird der Digitalfreak sagen: Oh Gott, nur 54 dB, mit 16- Bit-Quantisierung können wir doch locker 90 dB erreichen. Das stimmt einerseits. Andererseits hat man z.B. in Japan viel Zeit darin investiert, herauszufinden, warum Vinyl besser klingt als CD. Unter anderem kann der Vinylschnitt mechanisch bedingt nur maximal 55 dB Kanaltrennung liefern. Das wiederum führt zu einer homogenen, kohärenten Stereophonie. Diese besitzt einen erweiterten "Hot spot", d.h. also einen Punkt, an dem man perfekt stereo hören kann. Bei einer sehr hohen Kanaltrennung, wie wir sie von der Digitalaufzeichnung her kennen, wird dieser Hot spot immer kleiner. Man hört viel schneller Veränderungen und Phasingeffekte, wenn man den Kopf dreht. In einer natürlichen Umgebung hingegen gibt es keine Signale, die 90 dB Kanaltrennung haben. Die Emulation des Vinylschnitt-Übersprechens liefert also die dritte Röhre. Sie erzeugt natürlich auch den bekannten harmonikalen Charakter. Viele Röhrengeräte weisen einen Frequenzgang von lediglich 60 Hz bis 17 kHz auf. Diese Art Bandkompression bezeichnen viele Leute als den typischen Röhrensound. Dieses klangliche Ziel haben wir mit dem Tube Vitalizer nicht verfolgt. Im Masteringbereich, ein für uns wichtiges Marktsegment, wird die volle Bandbreite gefordert. Aufnahme- und wiedergabetechnisch ist es ja auch gar kein Problem, die volle Audiobandbreite darzustellen. Damit finden wir den typischen Röhrenklang nur noch im Präsenzbereich der Stimme, aber auch im Hallraum von Vocals und Snaredrums bekommt man eine bessere Feinzeichnung. Dieser Effekt ist zwar gering, aber auf Dauer angenehmer zu hören als bei einer Transistorstufe, bei der die k3Komponenten im Vordergrund stehen, sind bei einer Röhre die 2k-Komponenten dominant. Die k3-Komponenten führen wesentlich früher zu einer Hörermüdung als die k2-Komponenten der Röhrenstufen.

 

Die Filter des Tube Vitalizers

PP: Was zeichnet die Filtersektion des Tube Vitalizers aus? H.G.: Im Tube Vitalizer haben wir in der EQ-Sektion Spulenfilter integriert. Von der Wirkungsweise sind sie vergleichbar mit den alten API/MCI-Filtern aus den Sechzigerjahren. Die Spulen sind im Bass- und Höhenbereich zuschaltbar. Dieses Prinzip kam davor nie zum Einsatz. Die Spulenfilter heben den Präsenzbereich der Arbeit mit dem Vitalizer kommen mir jedoch die "alten" Analogbandmaschinen in den Sinn. Erst im A/B-Vergleich mit dem digitalen Datenträger wird der Unterschied deutlich hörbar. Es gibt viele Geräte, über deren hörbare Wirkung und Notwendigkeit man diskutieren kann. Im Falle des SPL Tube Vitalizers waren meine Tontechniker sofort begeistert, und auch sie fanden, "es klingt wie von einer analogen Bandmaschine". PP: Nun war es aber, wie bereits erwähnt, kein vorgegebenes Entwicklungsziel, einen analogen Bandmaschinenklang zu emulieren. nach welchen Vorgaben erfolgte die klangliche Konzeption? H.G.: Wir arbeiten nun seit etwa zehn Jahren an diesem Gerät. Damals hieß es noch SX 2 und war diskret zweikanalig, der Tube Vitalizer ist ein Stereogerät, mit dadurch vereinfachtem Handling. Die Filter haben wir damals lediglich als Ergänzung zu Pultfiltern im Insert oder in Subgruppen angesehen. Aber dann zeigte sich in der Praxis, daß viele unsere Kunden den Vitalizer in die Summeninserts einschleiften. Daraufhin begannen wir, die ersten Stereogeräte zu bauen. Von dieser Vitalizertechnik haben wir ca. 20.000 Einheiten verkauft. Sie hat den Homerecordern geholfen, mit einem Tool für relativ erschwingliches Geld eine Produktionsstufe besser zu werden. Das wiederum war für uns der Anlaß, mit dem Wissen und der Erfahrung von 40 Jahren Audiotechnik, für professionelle Anwender ein richtiges "Edelteil" zu schmieden. Beispielsweise wissen wir, daß in der EQ-Sektion der ausschließliche Einsatz von Röhren im Basisbereich nicht von Vorteil ist, weil durch notwendige Entkopplungsmaßnahmen der Frequenzgang eingeschränkt sowie die Übersteuerungsfestigkeit begrenzt ist und damit Druck verloren geht. Im Bassbereich ist Halbleitertechnik besser. Eine Spule, die in ein Filter integriert wird, zeigt im Hochtonbereich die absolut schönsten Ergebnisse. Die Domäne der Röhre ist eindeutig der Mittenbereich. Wir haben insgesamt sechs verschiedene Vitalizer-Typen gebaut. Das System ist sehr schwierig zu kalibrieren. Es ist wie ein Tanz auf der Rasierklinge, die Stelle zu finden, wo dieser Filter- Resonanzkreis funktioniert. Außerhalb des Kalibrierungspunktes klingt der Ring wie ein ganz normaler EQ. Nur an diesem Punkt geschieht die beschriebene Korrelation zwischen Amplitude und Phase. Ein derartiger psychoakustischer Filter ist bis jetzt noch nicht dokumentiert worden. Wegen des Wortes "Psychoakustik" wurden wir anfangs belächelt. Vor zehn Jahren mußten wir uns sagen lassen, man brauche so ein Zeug nicht. Snap hat "I've got the power" mit den alten, ersten Vitalizern gemischt. Luca sagte mir letztes Jahr: "Ohne Euch hätten wir wahrscheinlich nicht so einen Erfolg, denn wie der Bass klingt, das hat 'I've got the power' groß gemacht." Die VitalizerTechnologie ist integraler Bestandteil von Snaps Sound. Auch das war ausschlaggebend für uns, das Gerät für den Pro-Bereich weiterzuentwickeln, wo man es angeblich nicht brauchte. Heute arbeitet man ganz bewußt mit Psychoakustik, denn Psychoakustik ist die Lehre von dem, was wir hören. Diese reine Meßtechnikbefriedigung mit linearen Frequenzgängen usw. geht immer weiter zurück. auch Klirrfaktor ist für die meisten Anwender kein Thema mehr. Entscheidend ist der schöne und angenehme Klang. Als wir uns damals mit Psychoakustik "geoutet" haben, versuchten wir klarzumachen, daß es um Empfindungszeitpunkte geht, um die Reduktion von Maskierungseffekten; wie wir gesehen haben, ist dies mit der kontrollierten Änderung der Phase machbar. Nur erwähne heute mal das Wort Phase! 90 % der Leute haben nur das Phasenproblem im Kopf. Natürlich hat Phasenumkehr auch Auslöschungen zur Folge. Phase hat aber mehrere Definitionsebenen. Es ist das lebende Element in der Musik, denn es bestimmt, wann ich Musik höre, also den Zeitpunkt. Was wäre Musik ohne Zeit? Vielleicht ist die mangelnde Beachtung der Phase ein Grund dafür, warum die Analog/Digitalwandlung immer noch nicht perfekt ist und die Digitaltechnik so eindimensional klingt; sie kümmert sich nur um zwei Komponenten, Amplitude und Frequenz, aber nicht um die Phase. Nach der A/D-Wandlung bekommt man immer alles zeitgleich präsentiert. Und das macht den Vitalizer so lebendig, denn er entscheidet aufgrund der Amplituden des Eingangssignals, wann es hörbar wird. Damit bringt er Natürlichkeit herein und produziert die bereits angesprochene Demaskierung.

 

Der Tube Vitalizer in der Praxis

PP: Herr Benzinger, wie wird der Tube Vitalizer bei der Beta Technik eingesetzt? P.B.: Wir setzen ihn hauptsächlich in zwei Gebieten ein. Das eine Gebiet ist die Filmsynchronisation bzw. Tonmischung. Die Zuspielbänder sind heutzutage größtenteils digitale Audioträger und somit ideal geeignet für die Bearbeitung mit dem Vitalizer. Ich habe auch schon öfters das gesamte Programm über den Vitalizer geschickt und ihn - wie Herr Gier bereits erwähnte - in den Insertpunkt der Summe eingeschleift; bei den neusten Folgen von Renegade war dies der Fall. Die dort häufig eingesetzten Hardrock- und Blues-Elemente bekamen mit dem Vitalizer noch den letzten "Kick". Ähnlich verhält es sich mit Sprache, die auf digitalen Tonträgern aufgezeichnet wird, z.B. auf MOD oder DAT. Gerade bei Kommentaraufnahmen für Dokumentarserien kommt es auf die Präsenz und Deutlichkeit des Sprechers an. Auch hier lassen sich mit dem Tube Vitalizer noch etwas die Bässe anheben. Er läßt die Stimme voluminöser und weicher klingen. Gegenüber der MOD klingt sie "offener", "luftiger" und weniger nasal. Der zweite Arbeitsbereich der Tonabteilung der Beta Technik umfaßt die Filmrestauration. Pro Jahr haben wir zwischen 500 und 1000 Aufträge an Masterbearbeitungen, wobei wir mit verschiedenen Ausgangsmaterialien zu kämpfen haben, angefangen von der DAT-Kassette über sämtliche analoge Magnetbänder bis hin zu Lichttonformaten. Allein in letzterem Bereich seien nur exemplarisch erwähnt Positiv, Negativ, 16-mm-Lichtton, 35-mm-Lichtton, Dolby Stereo, Ultrastereo oder Dolby Digital mit sechs Kanälen. Strafverschärfend kommt hinzu, daß das "Baujahr" der zu bearbeitenden Filme kaum unterschiedlicher sein könnte.

Von 1930 bis in die heutige Zeit ist alles dabei. Für uns ist der Vitalizer für die Lichttonbearbeitung ideal geeignet. Gerade ältere Lichttöne, z.B. Sprossenton haben sehr schlechte Frequenzgänge und ein hohes Störrauschen. Oft sind bei alten Filmen fast keine Nutzsignale mehr vorhanden. Wenn im Kopierwerk die Kopie etwas überbelichtet wurde, wird es noch schlimmer, denn durch den höheren Lichtanteil vergrößert sich das Rauschen noch einmal.

In einer ersten Bearbeitungsstufe setzen wir Decrackle- und Declick-Verfahren ein. Wir verfügen hierzu über diverse Cedars sowie - für schlimmere Fälle - seit geraumer Zeit auch über ein Sonic Solutions auf Mac-Basis. Die Lichttonkopien können anschließend in einer zweiten Arbeitsstufe mit herkömmlichen Verfahren bearbeitet werden, soweit dies möglich ist. Dazu stehen uns neben dem SPL Tube Vitalizer auch der SPL-De-Esser sowie der Aphex II Aural Exciter zur Verfügung.

H.G.: Peter erklärte mir, daß nach dem Declicken, Decrackeln, Denoisen und vielleicht nach dem Deessen das Hochtonspektrum einfach superfade sei. Die Spulenfilter des Tube Vitalizer geben die Aura und den Klangcharakter, den man soeben weggerechnet hat, wieder zurück.

P.B.: Lichttonkopien alter Filme aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren haben von Haus aus einen eingeschränkten Frequenzgang. Deren Klangcharakter könnte man als "quäkig" umschreiben. Dieser nasal klingende Mittenbereich läßt sich mit dem Tube Vitalizer weich absenken. Der Vitalizer gibt mir darüber hinaus den fehlenden Tiefenbereich. Er macht dies sehr dezent, denn es ist keine harte Tiefe. Das Gesamtklangbild erhält durch ihn eine Art "Volumen". Stellt man den Vitalizer extrem ein, klingt in Stellung "Bypass" das Original fast wie aus dem Telefon. Der Ehrlichkeit halber muß man jedoch sagen, daß auch für den Vitalizer die Einsatzmöglichkeiten nicht unbegrenzt sind. Ab und zu ist es erforderlich, bereits im Vorfeld klangliche Bearbeitungen durchzuführen. Beispielsweise ist einem Film während seiner gesamten Dauer ein Störton zwischen 4 und 5 kHz überlagert. Wäre dieser Störton schmalbandig, könnte man bequem ein Notchfilter setzen. Oft handelt es sich aber um Bandbreiten von 500 Hz bis 1 kHz, die zu einer sehr deutlichen Wahrnehmung des Störtones führen. Ein anderes Störgeräusch, welches hin und wieder auftaucht, ist ein Rattern, welches typischerweise im Bereich der unteren Mitten zwischen 400 Hz bis 1000 Hz, liegt. Dieses Rattern stammt z.B. von der Perforation des Filmes. Man kann mit ein paar trickreichen Schaltungen das Rattern und den Störton zwar verringern, allerdings verändert man damit auch das Klangbild. Fügt man nun den Vitalizer in den Signalweg ein, besteht die Gefahr, das Klangbild noch weiter in die falsche Richtung zu verfremden.

PP: Die Grenzen des Vitalizers bei der Tonrestauration liegen demzufolge nicht in ästhetischen Gesichtspunkten, sondern in der technischen Qualität des Ausgangsmaterials begründet. P.B.: Genau.

 

Klangästhetische Fragen der Tonrestaurierung

PP: Wie verhält es sich denn prinzipiell mit der Klangästhetik von Tonfilmen? Alte UFA-Filme können sicher ein bißchen "röhriger" klingen als Produktionen der "coolen" Neunzigerjahre. Inwieweit liegen hier Grenzen in der Klangbearbeitung, auch mit dem Tube Vitalizer?

P.B.: Eine gute Frage? Das führt uns generell zur Frage der Tonbearbeitung. Die Lichttonspur eines Films aus dem Jahre 1935 kann durchaus von der Belichtung her eine gute Schwärzung aufweisen, also wenig rauschen. Bedingt durch die Beschaffenheit der damaligen Aufzeichnungsverstärker überlagert sich deren Rauschen mehr oder weniger diesem Grundrauschen. Ist also die Modulation noch zum größten Teil vorhanden (wir hatten auch einen schwerwiegenden Fall, wo die Schicht bereits zerstört, die Nutzmodulation also weitgehend verschwunden war), und ist nur aufgrund mechanischer Beschädigungen mit Störgeräuschen wie Crackeln, Clicken und systembedingtem Rauschen zu rechnen, kann ich mit heutigen Methoden der Tonrestaurierung den Film so sauber machen, daß er schon wieder zu modern wirkt. Bild und Ton passen aber so nicht mehr zusammen. Sie rufen unterschiedliche Empfindungen hervor. Es gibt tatsächlich Zuschauer, die sich beim Sender über den "zu guten" Ton beschweren. Dieses Phänomen kann man auch bei der Neusynchronisation alter Filme beobachten. Mit der heutigen Technik klingt die Nachsynchronisation im Vergleich zur nicht synchronisierten Originalfassung oft zu sauber, zu "steril". Der Charakter einer Synchronfassung oder Tonrestaurierung muß sich eben sehr gut an die Originalversion anpassen. Die Sprachverständlichkeit ist der völligen Elimination aller Knackser oder Rauschanteile vorzuziehen. Derartige "Störungen" gehören zur Erwartungshaltung des Publikums mit dazu. Das Gehör gewöhnt sich außerdem sehr schnell an kontinuierliche Spektren. Was nützt ein technisch sauberes Produkt, wenn dadurch die Sprache z.B. mulmig geworden ist?

PP: Das bringt uns zu der Frage: Wer weiß denn überhau0pt noch, wie das Original zur damaligen Zeit "richtig" geklungen hat? Störgeräusche überlagern die Originalsubstanz; wieviel davon darf man durch Restaurierungsmethoden wegnehmen, ohne bereits in das ursprüngliche Klangbild manipulierend einzugreifen? Wo ist die Überlieferung dieser klanglichen Erfahrung?

P.B.: Da muß ich kurz etwas zu meiner Person erzählen. Ich arbeite in diesem Bereich seit 1984. Toningenieure bei der Beta, die in den Fünfzigerjahren sehr viel Erfahrung gesammelt hatten und von denen ich auch angelernt wurde, gehörten zu meinen Kollegen. Damals wurden viele Klangbearbeitungen mit einem Multiband-EQ UE 1000 gemacht, eine Riesenkiste, 40 kg schwer! Davor gab es den UE 100, ein Röhrengerät, das ungefähr noch einmal so groß war. Man konnte aber alle Parameter einstellen, wie bei einem modernen Filter. Damals waren Declicken und Decrackeln Fremdwörter. Man hat intuitiv gearbeitet: Was macht der Lichtton? Er rauscht, er ist mittig, es sind keine Tiefen da. Man hat dann einfach bei 8 kHz mit 24 dB/Okt. abgeschnitten, um das Rauschen einzuengen. Naja, der Fernsehton in den 70er und 80er Jahren war eben noch nicht so toll.

Damit war das Rauschen reduziert, und Sprache hat man immer noch gut verstanden. Wenn allerdings die Musik einsetzte, klang es leider nicht mehr so schön! Als dann der Aphex Exciter herauskam, haben wir ihn sofort hier ausprobiert. Rauschen wegfiltern und dafür Oberwellen hinzufügen - ein interessanter Gedanke! Leider generierte der Aphex außer Oberwellen auch wieder Rauschen hinzu, freilich spektral anders gewichtet als das Lichttonrauschen.

Auf jeden Fall war es ein kleiner Meilenstein in der technischen Entwicklung. Rückblickend und an heutigen Maßstäben gemessen waren die technischen Bearbeitungsmöglichkeiten sehr begrenzt! Die Ingenieure hatten damals auch einen anderen Arbeitsstil. Auch ich bin in meiner Ausbildung mit der Analogtechnik groß geworden, habe noch viel mit Röhrentechnik gearbeitet und setze mich heute genauso mit der Digitaltechnik auseinander, eine Arbeitsweise, die sicherlich jungen Ingenieuren von heute, die nur noch die Digitaltechnik kennen, Probleme bereitet.

H.G.: Auf der anderen Seite haben sich auch bei den Konsumenten die Hörgewohnheiten verändert. Ich glaube, die Aufgabe besteht nicht darin, es genauso zu machen, wie es damals war. Darüber zu wissen, wie es war, ist seltenes Gut. Der Background eines jeden Menschen beeinflußt die Art und Weise, wie wir hören, und wir verändern uns auch mit dem, was wir hören.

Das ist meiner Ansicht nach die künstlerische Dimension bei der Restaurierung. Bei einem alten Film mit einem zeitlos jungen Thema heißt es, den Sound so zu gestalten, daß er junge Ohren anspricht. Demgegenüber muß man bei einem zeitlosen Thema für die ältere Generation einen anderen Weg bei der Restaurierung gehen.

P.B.: Idealerweise sollten beide Welten - die analoge und die digitale - gleichberechtigt nebeneinander existieren. Es ist vorteilhaft, bei der Restauration die Digitaltechnik zu nutzen, und die Analogtechnik für einen warmen, dem Ohr angenehmen Klang, einzusetzen. Auch Schauspieler beim Film, deren Stimme man kennt, sollten ihren spezifischen Klang beibehalten, um die akustische Identifikation beim Publikum, die über Jahre entstanden ist, nicht zu zerstören.

PP: Herr Benzinger und Herr Gier, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Über die Beta Technik

Der Spielfilmbestand der Kirch-Gruppe umfaßt 15.000 Titel. Insgesamt verfügt die Kirch-Gruppe über 80.000 Stunden Programm für Kino, Fernsehen und Video. Das technische Dienstleistungszentrum der Kirch-Gruppe ist die Beta Technik. In diesem Unternehmen wird Europas modernstes filmtechnisches Zentrum und das weltweit größte Lagersystem für sendefähiges Filmmaterial betrieben. In ihren Magazinen hält die Beta Technik über eine Million Filmrollen und Sendebänder für die Bearbeitung und Lieferung an Kunden bereit. Zum Leistungsspektrum der Beta Technik gehören u.a. Überspielung und Normwandlung in alle international gebräuchlichen Fernsehsysteme und Übertragungsstandards, Farbkorrekturen, Filmsynchronisation und -mischung sowie Filmrestaurierung. Ein Beispiel für die Bewahrung wertvoller Filmwerke ist die Hal Roach Library, deren Material bis in die 20er Jahre zurückreicht und das bei der Beta Technik Bild für Bild begutachtet, rekonstruiert und restauriert wird. Im letzten Jahr entstanden drei völlig neue Tonstudios, in denen ausschließlich Tonrestaurierungen durchgeführt werden, sowie drei Überspielstudios für sämtliche Videoformate, wie D1, D2, DCT, C-Standard, NTSC, PAL, Digibeta und sämtliche Perloformate.

Ein Mischstudio komplettiert den Leistungsumfang der Beta Technik im Bereich Audio/Filmton. 1995 präsentierte die Beta Technik den digitalen Decoder d-box für das digitale Fernsehen.