Tube Vitalizer

Mastering Program Equalizer

Workshop
Klangveredler
Markus Zehner

Der deutsche Gerätehersteller SPL ist in Studiokreisen vor allem durch seine Klangverbesserer der Vitalizer-Reihe bekannt. Ein neues Modell verbindet die bewährte Technologie mit einer Röhrenausgangsstufe. Wieder ein Volltreffer?

Bei Klangverbesserern aller Art driften die Meinungen oftmals weit auseinander. Für die einen sind sie hervorragende Mittel, um einen Mix zu verfeinern, andere wiederum vertreten die puristische Meinung, die Verwendung eines Klangveredlers sei eine unnötige, technische Krücke. Welche Meinung die wahre oder die bessere ist, muss wohl jeder für sich selber herausfinden. Wenn man sich für die technische Veredelung entschieden hat und auf der Suche nach geeigneten Geräten ist, wird man früher oder später auf die Vitalizer-Serie stossen, die von der deutschen Sound Performance Laboratory - besser bekannt unter dem Kürzel SPL - hergestellt wird.

 

Theorie

Beim Auspacken des Tube-Vitalizers sticht zunächst dessen mattgoldene Farbe ins Auge. Natürlich haben wir es nicht mit einer echten Goldbeschichtung zu tun; es sieht nur so aus als ob. Echt sind dafür die Röhren, welche - von aussen gut sichtbar - nur von feinen Netzgittern geschützt werden. Das sieht schon nach was aus! Auch sonst erweckt das sechs Kilogramm schwere Gerät einen vertrauenerweckenden Eindruck. Die Drehregler und Schalter sind erste Qualität. Das Gehäuse aus dickwandigem, stabilem Stahlblech ist sorgfältig verarbeitet. Rückseitig sind die Anschlussbuchsen (Klinken und XLR) zu finden. Die Verbindung zwischen Gehäuse und Masse kann mittels Ground-Lift-Schalter auf Knopfdruck aufgetrennt werden.
Der Tube-Vitalizer besteht aus zwei Komponenten: einer verbesserten Vitalizer-Sektion und der Röhrenausgangsstufe. Die Vitalizer-Abteilung besteht zunächst aus einem alten Bekannten: Der Bassregler, der die tiefen Frequenzen stufenlos von weichem bis hin zu perkussivem Verhalten ändern kann, wurde bereits bei früheren Varianten verwendet. Neu ist es aber nun möglich, auf Knopfdruck ein Spulenfilter-Netzwerk beizuschalten. Dem Manual entnimmt man, dass die Unterschiede von Kondensator- und Spulen-Filtern mit denjenigen zwischen Röhren und Halbleitern vergleichbar sind. Auf einen kompletten Mix angewandt, ist der Unterschied zwar nicht gerade ohrenfällig, äussert sich aber doch in einem etwas fetteren und schwärzeren Sound.
Die Schaltung für den oberen Mittenbereich (dem eigentlichen Vitalizer-Kernstück) besteht - ähnlich wie bei den Vorfahren - aus einem Drehregler zur Wahl der Mittenfrequenz. Während Frequenzen oberhalb des eingestellten Wertes angehoben werden, erfahren die Frequenzen unterhalb eine Dämpfung. Neu hinzugekommen ist eine separate EQ-Schaltung für den Hochtonbereich, welche zusätzlich die Obertonstruktur verstärkt. Neben der Einsatzfrequenz kann der Pegel geregelt werden. Ausserdem kann wiederum (wie bei der Bassschaltung) auf Spulenfilter umgeschaltet werden.
Erweitert wurde der Tube-Vitalizer ausserdem durch eine Zweiband-Kompressor (Hi-EQ und Bass), der die durch den Bass- und Hochton-Bereich bearbeiteten Signale komprimiert, um Pegeländerungen auszugleichen. Das Originalsignal selbst bleibt vom Kompressor aber unbeeinflusst. Beide Bänder werden lediglich mit je einem Drehregler bedient.
Der Process-Regler schliesslich regelt die Intensität der Schaltung im Verhältnis zum Originalsignal und dämpft gleichzeitig dominante Mittenfrequenzen, um eine typische EQ-Lautheitskurve zu erzeugen. Um einen optimalen Arbeitspegel zu gewährleisten, sorgt ein zusätzlicher Drive-Regler für die nötige Anpassung in einem Bereich von -20 bis +6 dB. Die Ausgangsstufe des Vitalizers ist gleich zweifach vorhanden: Einmal als elektronisch symmetrierte Stufe, einmal als Röhrenausgangsstufe. Beide Ausgangsstufen werden ausserdem auf eine ??? Phasenumkehrröhre geführt, welche die Räumlichkeit des Signals zusätzlich erhöhen soll. Nur im Röhrenmodus aktiv sind die beiden grossen Attenuator-Regler, welche den Ausgangspegel steuern. Bei Bedarf kann die Röhrenausgangsstufe auch im Limiter-Betrieb eingesetzt wrden. pegel über 0 dB führen in diesem Falle zu einer Röhrensättigung. Die exzellent klingende Limiter-Funktion führt damit neben der reinen Pegelreduktion zusätzlich zu einem dichteren Sound.
Zwei hübsche VU-Meter zeigen wahlweise Pegel der Ein- oder Ausgangssignale mit einem auf +6 dB kalibrierten Nullpunkt. Röhrenausgangsstufe und Vitalizer-Funktion verfügen über separate Aktivschalter und können deshalb im Bedarfsfall auch einzeln verwendet werden.

 

Praxis

Beim Einschalten des Vitalizers wird die Röhrenbetriebsspannung (sog. Anodenspannung) langsam hochgefahren, was rund 45 Sekunden dauert und laut Herstellerangaben die Lebensdauer der Röhren um den Faktor vier erhöht. Der Warm-up-Modus wird durch eine LED angezeigt. Erst wenn die erforderliche Betriebsspannung erreicht ist, schaltet ein Relais die Ausgangsstufe frei. Die Einstellung des Tube-Vitalizers ist relativ einfach: Bereits mit ein paar Handgriffen ist ein deutlich verbesserter Sound zu erzielen. Der Mittenstau wird aufgelöst, die Transparenz erhöht sich deutlich und äussert sich auch in einer verbesserten Tiefenstaffelung. Klanglich wird der Mix aber nicht nur durchsichtiger, sondern auch wärmer und runder, ohne dabei aber die Erzeugung von Druck und Punch über das gesamte Frequenzspektrum hinweg zu vernachlässigen. Die Bässe wirken (bei entsprechen der Einstellung) knackig und satt, die Höhen zeichnen sich durch eine ausgesprochen gefällige, unaufdringliche Seidigkeit und Brillanz aus. Ein Gewinn an subjektiver Lautstärke ist deutlich feststellbar. Auch bei leisen Abhörpegeln hat man das Gefühl, dass der Sound immer sehr klar und präsent ist. Ein im Bypass-Modus allfällig auftretendes «Vorhang-Gefühl» ist wie weggeblasen. Die Bearbeitungsgrenzen definieren sich stark über das anliegende Eingangssignal. Will heissen, dass der Vitalizer nicht in der Lage ist, einen schlecht klingenden Mix auf Knopfdruck gut klingen zu lassen. Auch extreme Eingriffe um frequenz- oder positionsbedingte Mixfehler auszumerzen, sind nicht primär das Ding des SPL-Teils. Eher ist der Vitalizer geeignet, einer an sich schon ordentlich klingenden Mischung noch das Sahnehäubchen aufzusetzen. Insgesamt arbeitet das Gerät ausgesprochen musikalisch, klingt sehr natürlich und drängt sich nicht durch technische Kunstgriffe in den Vordergrund. Dieses Grundverhalten reduziert (als angenehmen Nebeneffekt) die Gefahr von Fehleinstellungen auf ein absolutes Minimum. Nur mit Arglist gelingt es, resonierende Bässe oder aggressiv schneidende Höhen zu produzieren. Auch die Soft-Knee-Charakteristik des Zweiband-Kompressors arbeitet effizient, sauber und unauffällig. Bemängeln kann man allenfalls, dass lediglich je eine LED zur Anzeige der Gain-Reduction zur Verfügung stehen.
Obschon der Vitalizer mit frequenzselektiven Verzögerungen und Phasenmanipulationen arbeitet, bleibt der Einfluss auf die Kanalkorrelation auch bei extremen Einstellungen gering, so dass in dieser Hinsicht kaum Probleme zu erwarten sind. Dies hängt allenfalls auch damit zusammen, dass man auf eine explizite Stereoverbreiterungs-Routine verzichtet hat, wie man sie beispielsweise vom Classic- und vom Stereo-Vitalizer her in Form der Surround-Schaltung kennt.

 

Fazit

Extreme Klangmanipulationen sind des Vitalizers Ding nicht. Diskret hält sich das Gerät im Hintergrund, und nur der gelegentliche Druck auf die Bypass-Taste demonstriert eindrücklich, was der Vitalizer eigentlich tut. Dieser Umstand ist es gleichzeitig, der mich am meisten fasziniert hat. Technisch unauffällig dient das Gerät in erster Linie der Musik. Die durchgängig hohe Qualität der Bauteile äussert sich in einem exzellenten Grundsound, der jede Mischung aufwertet, ohne sie gleich auf den Kopf zu stellen.